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Pressespiegel

Beitrag in Max Heft 9/99

0.6 Sek. zum Millionär

Kleinaktionäre haben die schnelle Standleitung zur Börse entdeckt: Daytrading. Als private Börsenhändler träumen sie davon, per Mausklick reich zu werden
Der große Gewinner heißt heute Herr Metz. Herr Metz guckt ein bisschen überrascht. Damit hat er nicht gerechnet, alles ging so schnell. Aber es ist wahr. Er hat eine Flasche Champagner gewonnen, weil er für heute einen guten Tipp auf den Dax abgegeben hat. Nur zwölf Punkte lag er daneben. Leider ging es um nichts - es war bloß eine Trockenübung. Jeden Morgen spendiert die Firma Momentum eine Flasche Champagner. "Wir feiern halt gerne", sagt Mike Zebisch.
Der 23-Jährige gehört zu einer neuen Generation von Börsenhändlern, die online Aktien kaufen, im Minutentakt, um sie Sekunden später wieder zu verkaufen. Sie selbst nennen sich "Daytrader", Tageshändler. Frisöre, Elektriker, Lehrer - normale Menschen mit normalen Jobs, die hierher kommen, weil sie vom schnellen Geld träumen. "Wenn die Mauer nicht gefallen wäre", sagt Mike Zebisch, "dann wäre ich vielleicht auch so ein kleiner Kommunist geworden." Der Ost-Berliner steht in einem Kasten aus Glas und Stahl, seinem Büro in Berlin-Charlottenburg, und trägt ein ordentlich gebügeltes Hemd, eine dunkle Anzughose und nicht ganz billige Lederschuhe. "Wenn es um Kleidung geht, ist mir nichts zu teuer", sagt Zebisch und schaut auf den Fernsehmonitor, der oben unter der Decke hängt.
Dort läuft N-TV, die aktuellen Börsenkurse auf Videotexttafel 203. Der Dax ist um 19,29 Punkte auf 5625,39 geklettert. Aber Mike Zebisch scheint das wenig zu interessieren. Seine Augen sind festgefroren, sein Mund nur ein blasser Strich, seine Lider blinzeln, wenn auch selten und dann sehr langsam.
Irgendwann müssen die endlosen Zahlenkolonnen und Statistiken ihre verwirrende Wirkung verloren haben. Manche beruhigt das Ticken einer Küchenuhr. Zebisch beruhigen die vielen bunten Börsenkurven, die ausschlagen wie der Herztakt eines Infarktpatienten unter Elektroschocks. Viele Kunden suchen im Daytrading die Abwechslung, erklärt Melanie Epp, Pressesprecherin von Momentum. Als sie merkt, dass das nichts sagend klingt, setzt sie nach: "Natürlich ist Daytrading auch Abenteuer und Nervenkitzel. Manche machen hier ganz schnell ganz viel Geld."
Keine Angst, keine Gier, keine Panik und keine Euphorie - das sind die Erfolgsfaktoren für Daytrader. So steht es auf einem Plakat, das im Handelsraum der Firma Momentum hängt. Dort herrscht Totenstille. Von den 70 Computerplätzen sind heute nur vier belegt. Das Wetter sei zu schön, sagt Melanie Epp und lächelt verlegen. Sie hatte am Telefon vom "größten Handelsraum Europas" geschwärmt.
Jetzt sitzen da nur ein paar ältere Herren in Karo-Hemden und starren auf die Monitore, wo sogenannte Charts den Verlauf der Börse anzeigen. Ein Mausklick genügt, um eine Order an die Börse zu bringen. Daytrading, das ist Aktienhandel mit Höchstgeschwindigkeit. Via Internet wird ein Geschäft innerhalb von 0,6 Sekunden ausgeführt.

Hier geht es weiter zu Teil II.

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